Gewaltfreie Kommunikation mit Kindern

Gewaltfreie Kommunikation stärkt emotionale und soziale Kompetenzen. Ich möchte bei Kindern in definierten Bereichen ihres Alltags Selbstbestimmung und die Fähigkeit, selbst Konflikte konstruktiv zu lösen, bestärken. Dazu ist es von grundlegender Bedeutung, die eigenen Gefühle und Bedürfnisse differenziert wahrnehmen und benennen zu lernen, dem anderen aktiv zuhören und sich in dessen Gefühle und Bedürfnisse hineinversetzen zu lernen, und im Falle von Streit zu lernen, selbst Ideen zu entwickeln, wie ein solcher Streit in Zukunft vermieden werden kann. Die Erfahrung, eigene Konfliktlösungen einbringen und ausprobieren zu können, ist nicht nur innerhalb der Kindergruppe wichtig, sondern auch für Schule und Berufsleben sowie für die Gestaltung und Veränderung gesellschaftlichen Zusammenlebens im Sinne nachhaltiger Entwicklung (siehe Literatur).

 

Zu den vier Säulen der gewaltfreien Kommunikation gehören:

  • Beobachtung ohne Wertung, Verurteilen, Kritisieren, Angreifen - sondern neutral nur benennen, was ich gesehen oder gehört habe. Dies üben wir z.B. spielerisch durch aktive Sinneswahrnehmungen in den Bereichen Sehen, Hören, Fühlen, Schmecken, Riechen.
  • Gefühle bei sich selbst und bei den anderen Kindern wahrnehmen und benennen - dies üben wir z.B. spielerisch, indem wir beim Bilderbücher gucken immer wieder darüber reden, wie sich die Akteure dort gerade fühlen. Ziel ist es, den Wortschatz zu erweitern (mutig, ängstlich, erfreut, erschrocken, traurig, einsam, besorgt, ...) und sich in andere hinein versetzen zu lernen.
  • Bedürfnisse bei sich selbst und bei anderen Kindern erkennen - fragen, warum jemand gerade so ein Gefühl hat, was er oder sie gerade braucht (Liebe, Geborgenheit, Kuscheln, Nähe, Essen, Ruhe, Spaß, Autonomie, Selbstbestimmung, ... ).
  • Bitten formulieren - konkret, positiv und offen für ein "Nein". Dies üben wir z.B. konfliktunabhängig in Kreisspielen, aber auch in jeder akuten Konfliktsituation im Alltag.

 

Was verstehe ich unter "Spiele und Übungen zur gewaltfreien Kommunikation"?

(für ältere Kinder ab 3 oder 4 Jahren)

 

Selbstbestimmung / Autonomie: Kinder dürfen im Morgenkreis in altersgerechtem Rahmen selbst über ihren Tagesablauf mitbestimmen, zum Beispiel ob wir eher an die Sieg oder in den Wald gehen, lieber ins Baleroth-Tal oder lieber die Serpentinen des Kelterser Berges hinaufsteigen. Sie dürfen mitentscheiden, welches Gemüse wir heute kochen, und ob es lieber Reis, Dinkel oder Hirse sein soll. Sie können auch selbst entscheiden, wann mal wieder ein "Buch-Mitbring-Tag" stattfinden soll, an dem sie ihr aktuelles Lieblingsbuch von zu Hause mitbringen und den anderen Kindern zeigen dürfen. Die Kinder wünschen sich Lieder oder Tänze genauso wie Naturerlebnisspiele aus unserem Repertoire selbst aus. Selbstbestimmung stärkt das Selbstwertgefühl und die Wahrnehmung und Formulierung der eigenen Wünsche, Interessen und Bedürfnisse. Gleichzeitig trainieren wir im Morgenkreis, den anderen Kindern zuzuhören, indem ein Kind (Redestab-Hüter/in) mit einem Redestab rundgeht und alle Kinder befragt und immer nur reden darf, wer gerade den Redestab hält. Alle anderen machen große Giraffenohren.

 

Verantwortung übernehmen: Je nach Alter werden überschaubare kleine Aufgaben und Zuständigkeiten verteilt. Zum Beispiel: Kind 1 ist dafür zuständig, den richtigen Weg im Wald zu finden und die Gruppe zusammen zu halten. Kind 2 ist zuständig dafür, Sitzkissen im Wald zu verteilen und nach dem Morgenkreis wieder einzusammeln. Kind 3 erfragt, wer Tee trinken möchte, schenkt den Tee aus und verteilt ihn nach dem Abkühlen. Kind 4 ist Waschkind, d.h. es lädt alle Kinder dazu ein, vor dem Essen am Wasserkanister die Hände zu waschen und sich mit dem Handtuch abzutrocknen. Die Rollen werden morgens an Freiwillige vergeben und immer getauscht, damit jeder mal jede Erfahrung macht.

 

Empathie-Üben: Kindergeschichten in Bilderbüchern nutzen wir immer wieder, um uns in die Gefühle und Bedürfnisse der Darsteller hinein zu versetzen: "Wie fühlt sich Oskar gerade? Was braucht er? Warum hat die Hexe das gemacht? Warum ist die Eule gerade ärgerlich?"

 

Bitte-Spiel: Wir sitzen im Kreis und ein Kind in der Mitte denkt sich eine Bitte an ein anderes Kind aus ("Tom, würdest du bitte auf einem Bein hüpfen?" oder "Julia, wollen wir zusammen Puppenwagen fahren?"). Wenn Julia die Bitte erfüllen möchte, tut sie das. Wenn sie "nein" sagt, darf ein anderes Kind dieselbe Bitte erfüllen. Falls kein Kind möchte, denkt sich das Kind in der Mitte eine neue Bitte aus. Ziel ist es, Bitten nicht als Forderungen zu formulieren, sondern ergebnisoffen, das bedeutet, damit umgehen zu lernen, wenn eine Bitte nicht erfüllt wird, weil der andere gerade andere Bedürfnisse hat. 

 

Konfliktlösung: Empathie-Üben und Bitte-Spiel sind letztlich Trockenübungen für die gewaltfreie Kommunikation in Konfliktsituationen. Wenn ein Kind einem anderen ein Spielzeug wegnimmt oder es mit Worten angreift, gehe ich nicht als Richterin zwischen die Streitparteien (sofern die körperliche Sicherheit der Kinder nicht gefährdet ist natürlich). Oft reicht es schon, dem Streitstifter mit Worten zu spiegeln, wie es dem anderen Kind geht ("Schau mal, xy weint" oder "xy sieht ganz traurig aus."). Oder ich frage beide Konfliktparteien "Was hast du gesehen? Was hast du gehört?", um herauszufinden, was gerade passiert ist. Ich halte die Kinder dazu an, weniger in Vorwürfen und Anschuldigungen gegenüber anderen Kindern zu reden, sondern neutraler zu beschreiben, was los ist (schwierige Übung!). Es könnte ein Einfühlen in Gefühle und Bedürfnisse folgen: "Wie geht es dir? Wie fühlst du dich? Bist du ärgerlich? Wütend? Traurig? Enttäuscht?" Die Kinder lernen so Begriffe für ihre Gefühle, lernen, sie wahrzunehmen und zu benennen. "Was brauchst du gerade? Kuscheln (Ruhe)? Spaß (Freude, Leichtigkeit)? Toben (Bewegungsdrang)?" Ich motiviere dann die Kinder, sich auch in die Gefühlslage des anderen Kinder hinein zu versetzen, Verständnis zu üben.

 

Schließlich rege ich die Kinder an, selbst Lösungen vorzuschlagen: "Was könnten wir tun, damit es Julia und Philipp gut geht? Habt ihr eine Idee, wie Julia und Philipp beide zufrieden sein können? Habt ihr einen Vorschlag, wie wir so einen Streit beim nächsten Mal vermeiden könnten?" Oft fallen Kindern gute Lösungen ein. Wenn nicht, schlage ich eine vor und frage dann aber alle, wie sie den Vorschlag finden und ob sie dem zustimmen.

 

Heißt gewaltfreie Kommunikation, die Kinder dürfen alles?

 

Nein, sicherlich nicht. Kinder brauchen - ggf. auch gegen ihren eigenen Willen - Schutz vor Gefahren wie Feuer (offener Kamin, Kerzen), Wasser (Regentonne, Teich, Sieg) oder Putzmitteln. Sie brauchen Schutz vor losen, herunter hängenden Ästen im Wald oder wenn sie sich zum Beispiel mit Stöcken körperlich angreifen. Schutz gewähren bedeutet Grenzen setzen.

 

So gibt es Regeln zur Sicherheit und Gesundheit der Kinder, die ich festlege, zum Beispiel, dass wir uns vor dem Essen die Hände waschen, nach dem Mittagessen die Zähne putzen, dass wir mittags einen Mittagsschlaf machen oder zumindest ruhen, dass wir nicht im Sturm oder Gewitter in den Wald gehen, dass wir keine toten Tiere mit bloßen Händen anfassen, dass wir keine unbekannten Beeren probieren, wilde Brombeeren, Himbeeren oder Erdbeeren nur pflücken, wo keine Hunde gepinkelt haben, dass wir nicht mit Steinen werfen, mit Stöcken schlagen oder dass wir Spiele nach dem Gebrauch auch wieder aufräumen.

 

"Gibt es ein schöneres Geschenk an Mutter Erde, als dass wir unsere Kinder wieder zu ihr bringen?"

 

Zitat eines Mannes nach vier Fastentagen und -nächten im Wald